Esel und Mulis auf dem Prüfstand: Was die Exterieurbewertung verrät
Wer Esel oder Muli zum jährlichen Esel- und Mulitreffen mitbringt und IGEM-Mitglied ist, kann sein Langohr zur Exterieurbewertung anmelden. Dort begutachten mehrere unabhängige Fachleute dessen äußeres Erscheinungsbild, Körperbau und Gänge. Darüber bekommen die Tierhalter wertvolle Tipps dafür, ob ihr Hausesel das Wandergepäck tragen, sie ihren Großesel vor die Kutsche spannen oder ihr Muli reiten können.
Oberstes Ziel dieser Exterieurbewertung ist die Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Tiere.
Bei dieser Bewertung geht es nicht darum, dass Esel und Mulis alle gleich aussehen sollten, wie das beispielsweise bei bestimmten Pferderassen gefordert wird. Ziel dieser Exterieurbewertung ist es, die Nutzbarkeit der Tiere einzuschätzen.
Die Nutzungsbewertung ist auch keine Fehlersuche. Ihr herausragendes Ziel ist es, den Menschen wichtige Hinweise für den weiteren Umgang, eventuelle Zucht und die Gesunderhaltung ihrer Tiere geben. So kann es sein, dass ihnen empfohlen wird, den Eselwallach zum Tierzahnarzt, die Eselstute zur Huftechnikerin oder das Muli zur Physiotherapie zu schicken. Die allermeisten Tiere sind ganz gesund. Wobei – einige tragen ein paar Kilos zu viel mit sich herum, was die große Tierwaage unerbittlich preisgibt.
Dass gleichzeitig unterschiedliche Experten auf ein Tier schauen, ist ein ganz besonderer Service für die Esel- und Mulihalter, der in dieser Form einzigartig beim jährlichen Esel- und Mulitreffen sein dürfte.
Für Tierhalter, die mit ihrem Tier züchten möchten, ist die Exterieurbewertung besonders interessant. Schließlich beurteilen die Richter den Körperbau des Esels und seine Bewegung in Schritt und Trab. Bei dem sollen alle Körperteile harmonisch zueinander passen. Aber nur die Tiere, die bei dieser Bewertung mindestens die Zuchtklasse II erreichen und älter als drei Jahre sind.
Es geht hier ausdrücklich nicht darum, Schönheitsideale zu erfüllen oder Fehler zu suchen, sondern die individuellen Voraussetzungen jedes Langohres einzuschätzen.
In diesem Beitrag
Nicht alle über einen Kamm: Die Bewertungsgruppen
Die zur Exterieurbewertung angemeldeten Esel werden nach Geschlecht (Stute, Hengst, Wallach), Größe und Alter in Gruppen eingeteilt. Mautiere und Maulesel bilden eine eigene Gruppe.
Gruppe 1: Großesel-Hengste ≥ 131 cm
Gruppe 2: Hengste 9 Monate bis 2 Jahre
Gruppe 3: Hengste 3 bis 5 Jahre
Gruppe 4: Hengste älter als 5 Jahre
Gruppe 5: Wallache
Gruppe 6: Großesel-Stuten ≥ 131 cm
Gruppe 7: Stuten 9 Monate bis 2 Jahre
Gruppe 8: Stuten 3 bis 5 Jahre
Gruppe 9: Stuten älter als 5 Jahre
Gruppe 10: Maultiere und Maulesel
Drei Seiten, viele Einblicke: Das Bewertungsdreieck
Und wie genau werden die Equiden jetzt beurteilt? Der Tierhalter führt sein Langohr auf einen Platz zum Bewertungsdreieck. Aber was ist ein Bewertungsdreieck?

Für die Exterieurbewertung sind auf dem Boden Stangen so angeordnet, dass sie ein Dreieck bilden. Die Form gibt den – manchmal durchaus nervösen – Tierhaltern beim Vorführen eine Orientierung. Das Richter-Team erhält über diese Vorführ-Systematik einen umfassenden Blick auf jedes Tier.
Zuerst wird das Tier mit dem Kopf nach links vor die Richter hingestellt. Die Halterin steht dabei vor dem Tier, nimmt in jede Hand einen Zügel und spricht mit dem Tier. Es ist wichtig, das Stillstehen vorher zu üben.
Dann geht das Paar nach Aufforderung der Richter im Uhrzeigersinn außen um das Dreieck herum. Der Mensch geht immer links vom Tier. Wenn der den rechten Zügel etwas verkürzt, drängt ihn das Tier in den Ecken nicht fort. Ginge er rechts vom Tier, würde er den Richterinnen und Richtern die Sicht versperren.
Das Vorführen um ein Dreieck herum bietet den Fachleuten eine gute Möglichkeit, das Tier von allen Seiten zu betrachten:
• erste Dreiecksseite: Esel oder Muli geht von den Richtern weg
• zweite Dreiecksseite: die Richter sehen das Langohr von der Seite
• dritte Dreiecksseite: der Equide kommt auf die Richter zu
Die Richter treten dann auch noch direkt an Esel oder Muli heran. Sie schauen dem Langohr ins Maul, begutachten die Hufe, ihr Fell und alles, was sie sonst noch aus nächster Nähe begutachten wollen.
Gut vorbereitet: So machen Esel und Muli eine gute Figur
Spätestens eine Woche vor der Bewertung sollten die Hufe berundet werden. Denn nach jeder Veränderung am Huf braucht das Tier einige Tage, um sich daran zu gewöhnen. Für die Bewertung ist es hilfreich, wenn die Hufe vorher mit Hufkratzer, Wasser und Wurzelbürste gereinigt wurden.
Das Tier sollte sein Winterfell vollständig gewechselt haben und geputzt sein. Gesunde, erwachsene Tiere haben Ende August ihr Winterfell längst gewechselt. Wenn nicht, kann der verzögerte Fellwechsel ein Hinweis auf Verwurmung, Fehlernährung oder andere Erkrankungen sein.
Insgesamt lässt sich das Äußere eines ungeputzten Tieres ungleich schlechter beurteilen als das von einem gepflegten Tier.
Bei der Exterieurbewertung sollen sich die Tiere in Schritt und Trab präsentieren. Körperbau, Fundament (Vorder- und Hinterbeine) und Gangvermögen können nur so wirklich gewertet werden. Die Richter können aber nur das beurteilen, was sie auch tatsächlich sehen. Gehen Esel oder Maultier schlecht in diese Gänge, können sie dafür auch keine guten Noten bekommen. Darum sollten die Menschen das korrekte Vorführen vorher mit ihren Langohren üben.
Punkte sind nicht alles: Was der Bewertungsbogen verrät
Für die Exterieurbewertung präsentieren sich Esel oder Mulis einer Gruppe zunächst gemeinsam. Danach führt der Mensch sein Tier einzeln im Bewertungsdreieck vor.
Alle Richter bewerten jedes Tier eigenverantwortlich. Ihre Bewertungskriterien ergeben sich aus dem Zuchtstandard. Details zum Zuchtstandard findest Du auf unserer Webseite Zuchtstandard: https://esel.org/ueber-uns/grundlagen-zuchtstandard/
Auf ihrem Bewertungsbogen vergeben sie zwar ihre Punkte. Sie notieren zusätzlich auch die Besonderheiten, die ihnen am jeweiligen Tier auffallen. Und genau diese Notizen sind für die Tierhalter im Anschluss besonders wertvoll.
Die finale Bewertung berücksichtigt für jedes Tier alle Angaben von allen Richtern. Die erreichte Punktzahl errechnet sich aus der Summe des Durchschnitts pro Bewertungskriterium.
Von der Bewertung zur Beratung: Die Richtersprechstunde
Die Bewertungsergebnisse der Exterieurbewertung können für die Esel- und Mulihalter Ungeahntes oder bislang nicht Wahrgenommenes zu Tage fördern. Das wirft selbstverständlich Fragen auf.
Deshalb bieten die Richter zusätzlich zur Exterieurbewertung noch eine Sprechstunde an. Hier können sich die Tierhalter außerhalb der Prüfungssituation in aller Ruhe zu ihren spezifischen Fragen Antworten und weitere Erläuterungen von den Experten holen. Der zuvor ausgefüllte Bewertungsbogen ist dabei für beide Seiten eine wertvolle Grundlage. Er trägt entscheidend dazu dabei, gleich gezielt auf den Punkt zu kommen.
Fazit
Bei der Exterieurbewertung geht es nicht darum, den schönsten Esel oder das hübscheste Muli zu küren. Viel wichtiger ist die Frage, ob Körperbau und Bewegungsabläufe zu dem passen, was der Mensch mit seinem Langohr vorhat und es das auch schmerzfrei erfüllen kann. Esel und Muli artgerecht nutzen und dabei immer das Wohlbefinden des Tieres im Blick behalten. Dabei unterstützt die IGEM ihre Vereinsmitglieder mit diesem besonderen Angebot.
Die unabhängigen Fachleute schauen genau hin und geben den Haltern wertvolle Hinweise. Manchmal geht es um die Hufe. Da geht es um ein paar Kilo zu viel oder zu wenig. Und oft gibt es die schöne Bestätigung, dass mit dem eigenen Langohr alles bestens ist.
Wer seinen Esel oder sein Muli zur Exterieurbewertung anmeldet, erfährt also einiges über sein Tier. Im besten Fall nimmt eine Tierhalterin nicht nur ein Bewertungsergebnis mit nach Hause. Viele Tierhalter haben dann auch noch das gute Gefühl, künftig noch besser auf die Bedürfnisse ihres Langohres eingehen zu können.
Autorin: Martina Garg nach Informationen von Annemarie Bank-Lauer
©Martina Garg


















